2. Rosskastanie

Deutscher Name:

Gewöhnliche Rosskastanie

Botanischer Name:

Aesculus hippocastanum L.

Trivialnamen:

Balkan-Rosskastanie; Gemeine Rosskastanie

Familie:

Seifenbaumgewächse,  

(früher Rosskastaniengewächse)

Standort im Park:

N 51.43053°,  E 6.76591°

Etymologie:

Aesculus, lat. Name für eine dem Jupiter heilige Eichenart, erst später auf Rosskastanie übertragen

Hippocastanum, gr. Hippo Ross, Pferd

Gr. Castanum, der Ähnlichkeit der Früchte zur Esskastanie, (Castanea sativa)

Verbreitung:

Balkan-Halbinsel, als Tertiärrelikt in einem Areal mit Einzelvorkommen in den Mittelgebirgen Nord-Griechenlands, Albaniens und Mazedoniens. Neophyt, seit dem 16. Jahrhundert als Park- und Straßenbaum in Europa und Nordamerika eingeführt und weit verbreitet. Gebietsweise durch Naturverjüngung und Verwilderung sich einbürgernd.

Lebensraum:

In Höhenlagen zwischen 900 und 1300 Metern in Gebirgsschluchten, vor allem an schattigen und halbschattigen, frischen bis feuchten Standorten vorkommend. Kann aber auch gut an sonnigen Standorten gedeihen.

Verwendung:

Schattenspendender Solitärbaum für Parkanlagen und Park-Alleen. Dorfplatz-, Hof- und Biergartenbaum. Als Straßenbaum wegen der abfallenden Früchte nicht sonderlich geeignet.

Verwendung der bitteren, stärkereichen Samen als Wild- und Viehfutter.

Gewinnung von Grundstoffen aus  Samen, Borke, Blätter und Blüten für die pharmazeutische Industrie. Arzneiliche Verwendung als Venenmittel, gegen Ödeme.

Spiel- und Bastelmaterial für Kinder.

Färbepflanze, mit den Blättern kann man Wolle gelb und mit der Borke braun färben.

 

Biologie:

Habitus:

Sommergrüner Baum mit breiter bis hochgewölbter, dicht geschlossener Krone. Nicht immer symmetrisch. Im Mittel 15-20 Meter hoch werdend, in selteneren Fällen auch bis 30 Meter.

Wurzel:

Herzwurzelsystem bis 8 Meter tief gehend mit hohem Feinwurzelanteil, sowie in oberen Bodenschichten starkes, weitstreichendes Wurzelwerk mit bis zu 15 Meter Ausdehnung.

Stamm:

Meist relativ kurzstämmig mit einem Stammdurchmesser im Mittel bis 1 Meter, bei älteren Exemplaren bis 2 Meter. Aufgrund rechtsdrehender Fasern meist drehwüchsig. Durch starkes Adventivknospen-Wachstum kann es zur Bildung von Maserknollen kommen.

Rinde/Borke:

Junge Triebe graubraun mit Korkwarzen (Lentizellen) besetzt, mit zunehmendem Alter, braungraue Borke in grobrissigen sich aufbiegenden Platten, welche mit zunehmendem Alter in Schuppen abblättert.

Astwerk:

Auf kurzem Stamm spitzwinklig ansetzende Starkäste. Untere Zweigpartien malerisch überhängend.

Knospen:

Glänzende, rotbraune, bis 23 mm große Terminalknospen von eirunder bis konischer Gestalt. Die äußeren Knospenschuppen sind mit Drüsenzotten besetzt.

Sie dienen dem Schutz der Blatt- und Blütenanlagen vor Kälte aber auch vor Insektenfraß und sind eines der charakteristischen Merkmale der Rosskastanie. Die Seitenknospen sind wesentlich kleiner.

Blätter:

Gegenständig, 5-7-zählig handförmig gefingert, oberseits dunkelgrün, kahl, unterseits etwas heller und entlang der Blattnerven leicht behaart. Die einzelnen Fiedern sind doppelt gezähnt und besitzen jeweils eine kurz auslaufende Träufel-Spitze. Herbstfärbung gelb bis braun. Blattstiel, 10 bis 20 cm, Blattspreite, 10 bis 20 cm.

Nach dem Laubfall hinterlassen die Blätter an den Zweigen große, hufeisenförmige Blattnarben, wobei die Leitbündelnarben als erhabene Punkte erscheinen. Nach der Signaturen-Lehre sind diese hufeisenförmigen Blattnarben angeblich ein Indiz für die Namensgebung „Ross“ – Kastanie.

Blüten:

Aufrechter, rispiger Gesamtblütenstand (Blütenkerze) mit 100 bis 200 Einzelblüten. Blüten polygam, es existieren männliche, weibliche und auch zwittrige Einzelblüten in einer Rispe. Weiß gelbrot gefleckt. Griffel und Staubblätter waagerecht als Anflugstangen für bestäubende Insekten, vor allem Hummeln. Farbwechsel der Farbflecksaftmale nach der Befruchtung von gelb, orange bis karminrot. Sogenannte Ampelfunktion für anfliegende Insekten. Nur ein sehr kleiner Teil der Blüten wächst sich wegen der Schwere der Früchte zu Samen aus. Ein Großteil junger Früchte wird vorzeitig abgeworfen. Sehr guter Nektarspender und Bienenweide. Blütezeit, von Mai bis Juni.

Früchte/Samen:

Fachspaltige, dreiklappige mit Stacheln besetzte Kapseln, mit 1 bis 2 rotbraunen Samen. Sogenannte „Plumps-Früchte“ mit Schwerkraftausbreitung. Fruchtreife September bis Oktober. Keimung nur bei Feuchtigkeit und Bedeckung durch Laub und Erde. Ausbreitung als Versteckfrucht durch Nagetiere.

Alter:

Höchstalter bis 200 Jahre

Standort:

Schattige bis halbschattige Lagen, aber auch Sonne vertragend, auf feuchten, tiefgründigen, nährstoffreichen Böden. Gegen Bodenverdichtung empfindlich.

Eigenschaften:

Sehr frosthart, empfindlich gegen Streusalz und Immissionen.

Besonderheiten:

Schädlinge und Krankheiten:

Rosskastanien werden durch die unterschiedlichsten Schädlinge und Krankheiten befallen. Beispielhaft seien hier die zwei wichtigsten Schadenserreger erwähnt.

So treten seit 1984 zunehmende Schädigungen durch die aus Mazedonien eingewanderte Rosskastanienminiermotte (Cameraria ohridella) auf. Verbräunung und vorzeitiger Verlust des gesamten Blattwerks durch den Minierfraß ist die Folge.

Aktuell und sehr besorgniserregend ist ein Befall der Rosskastanien mit dem Bakterium Pseudomonas syringae. Zurzeit gibt es keine Bekämpfungsmöglichkeiten gegen das Bakterium. Um die Infektionskette zu unterbrechen, bleibt nur die Fällmaßnahme und Beseitigung der Bäume. So gibt es Befürchtungen, dass es, ähnlich wie beim Ulmensterben, bald auch zu einem Rosskastaniensterben kommt.

Kulturgeschichte:

In der antiken Mythologie spielt die Rosskastanie keine besondere Rolle. Die erste Erwähnung der Rosskastanie erfolgte am 26.07.1557.

In einem Brief des Arztes Willem Quackelbeen an Pier Andrea Mattioli. Quackelbeen war zu dieser Zeit Arzt des Augier Chiselin de Busbecq, dem Botschafter von Kaiser Ferdinand I. am Hofe Sultan Suleyman II. Sechs Jahre später, 1563, veröffentlichte Mattioli in seinem New Kreutterbuch die erste gedruckte Abbildung des Baumes. In einer Textstelle heißt es u.a.: Die Türcken nennens Roßkastanien/darumb daß sie den keichenden Rossen sehr behiflich sind. Damit fand der Name Rosskastanie seine Einführung in der gesamten späteren Literatur.

Die ersten Rosskastanien pflanzte der kaiserliche Gartendirektor Clusius 1576 in Wien und versandte die Samen nach ganz Europa. Aufgrund der Schnellwüchsigkeit sowie der attraktiven Blüte wurde die Kastanie zum Modebaum fürstlicher Parks und Gartenanlagen.

Ethnobotanik:

Als sogenannter Tragezauber spielt die Rosskastanie eine besondere Rolle im Aberglauben. So wird z.B.: die Rosskastanie als Amulett in der Hosentasche, seltener als Halsband gegen verschiedene Krankheiten, hauptsächlich gegen Gicht und Rheumatismus mitgetragen. Auch Alfred Krupp soll immer drei Kastanien in der Tasche getragen haben.

In Notzeiten wurde aus den Samen nach einer aufwendigen Verarbeitung, wie mahlen, wässern, Zugabe von Chemikalien und trocknen, Kastanienmehl gewonnen.

Rätsel: “Groß wie ein Haus, klein wie eine Maus, stachlig wie ein Igel, glatt wie ein Spiegel.“

Literatur:

Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe

„Aesculus hippocastanum“

 

Wie klein du bist, wie kindisch, im Vergleich

Zu ihrer Majestät, und sie ist reich.

Millionen weißer Hauben streut sie hin,

diskret getüpfelt, gelb und karmesin.

 

Viel später hörst du, wie es draußen knallt,

ein weicher, dumpfer Schall auf dem Asphalt

von grünen Morgensternen. Weißer Pelz

im Futteral, aus dem dir Glanz und Schmelz

 

entgegenrollt, gemasert, rätselhaft und grau

gescheckt mit einem Nabel silbergrau,

 

dass du dich bückst und faßt es einfach an,

was jeder haben, keiner kaufen kann,

 

die blanke Gabe, winzig, fehlerlos

und jung. Nur du bist alt und groß.

 

Gedicht von Karl Heinrich Waggerl

„Rosskastanie“

Wie trägt sie bloß ihr hartes Los

In Straßenhitze und Gestank?

Und niemals Urlaub, keinen Dank!

Bedenk, Gott prüft sie ja nicht nur,

er gab ihr auch die Rossnatur.

Tagebuch der  Anne Frank

Anne Frank erwähnte in ihrem Tagebuch dreimal einen Rosskastanienbaum, welchen sie aus ihrem Speicherversteck beobachten konnte. Von diesem Baum wurden unzählige Sämlinge herangezogen, welche weltweit als Bäume der Erinnerung an Anne Frank gepflanzt wurden. Dieser Mutterbaum stürzte         infolge seines Alters und eines Pilzbefalls trotz umfangreicher      Sicherungsmaßnahmen am 23. 08. 2010 um.

 

 

Quellen:

Elfriede Hübner: Rosskastanie (2005), in Faszination Baum und seine Heilkräfte, URL: http://books.google.de (Stand: 29.06.2014).

 

Georg-August-Universität Göttingen in uni-goettingen.de (o.J.) URL:

http://www.uni-goettingen.de (Stand: 29.06.2014).

 

Uwe Lochstampfer in botanikus.de (o.J.) URL:

http://www.botanikus.de (Stand: 29.06.2014).

 

http://de.wikipedia.org (Stand: 29.06.2014).

Kreativinhalt:

Anne Franks Geschichte wurde durch ihr Tagebuch weltbekannt, dieses wird als ein historisches Dokument aus der Zeit des Holocaust angesehen. Die mitunter einzige Verbindung zur Natur und Außenwelt für Anne war eine weiße Rosskastanie, die das Mädchen von ihrem Versteck in einem Hinterhaus Amsterdams sehen konnte. Bedeutung hat der Baum durch die mehrfachen Erwähnungen in ihrem Tagebuch erlangt und galt für Anne Frank als Hoffnungsträger und Trostspender.

 

Man findet diese Zitate:

23. Februar 1944
Fast jeden Morgen gehe ich auf den Dachboden hinauf, um die stickige Luft aus meinen Lungen zu pusten. Vom meinem Lieblingsplatz aus auf dem Boden, sehe ich hinauf in den blauen Himmel und in den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen wie Silber glitzern. Und ich sehe die Möwen und die anderen Vögel, wie sie im Wind gleiten. So lange wie dies existiert, so dachte ich, werde ich leben mögen, um dies zu sehen, diesen Sonnenschein, diesen wolkenlosen Himmel. Solange dies andauert, kann ich nicht unglücklich sein."
18. April 1944

Der April ist tatsächlich wunderbar, nicht zu warm und nicht zu kalt und ab und zu ein kleiner Regenschauer. Unsere Kastanie ist schon ziemlich grün, und hier und da sieht man sogar schon kleine Kerzen.“

 

13. Mai 1944
Unser Kastanienbaum steht von oben bis unten in voller Blüte und ist viel schöner als im vergangenen Jahr. „

 

Selbst ihr Vater wusste nicht, wie viel der Baum seiner Tochter bedeutet hat und wie viel Kraft sie aus ihm und der Natur ziehen konnte.

 

"Wie konnte ich wissen, wie viel es für Anne bedeutete, ein Stückchen blauen Himmel zu sehen, die Möwen in ihrem Flug zu beobachten und wie wichtig ihr der Kastanienbaum war, wenn ich daran denke, dass sie sich nie für die Natur interessiert hatte. Aber sie sehnte sich danach, als sie sich wie ein Vogel im Käfig fühlte. Schon der Gedanke an die freie Natur gab ihr Trost. Doch alle diese Gefühle hatte sie für sich selbst behalten."

 

Die Rosskastanie ist dadurch nicht nur Baum, Nistplatz und Schattenspender sondern auch ein Symbol der Hoffnung und des Friedens.